EZB-Umfrage: Volkswirte erhöhen Inflationsprognosen für 2026 und 2027
Veröffentlicht · Freitag, 30. Oktober 2026 um 13:14 Uhr
Die von der Europäischen Zentralbank durchgeführte Umfrage unter professionellen Prognostikern (Survey of Professional Forecasters) zeigt für das vierte Quartal 2026 nach oben revidierte Erwartungen zur Gesamt- und Kerninflation in den Jahren 2026 und 2027. Hauptgrund sind gestiegene Energiepreise und davon ausgehende indirekte Effekte. Die langfristigen Inflationserwartungen bleiben laut Deutscher Bundesbank weiterhin bei 2,0 Prozent verankert.
## Was ist passiert?
Die Deutsche Bundesbank hat die Ergebnisse des Survey of Professional Forecasters (SPF) für das vierte Quartal 2026 veröffentlicht. Bei dieser von der Europäischen Zentralbank (EZB) durchgeführten Umfrage werden regelmäßig Volkswirtinnen und Volkswirte aus Finanzinstituten und Forschungseinrichtungen zu ihren Erwartungen zur künftigen Preisentwicklung im Euroraum befragt. Im Ergebnis haben die Befragten ihre Prognosen zur Gesamtinflation wie auch zur Kerninflation – also der Inflationsrate ohne die besonders schwankungsanfälligen Energie- und Nahrungsmittelpreise – für die Jahre 2026 und 2027 nach oben korrigiert.
Als ausschlaggebend dafür nennen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Umfrage in erster Linie gestiegene Energiepreise sowie die davon ausgehenden indirekten Effekte, die sich etwa über höhere Produktions- und Transportkosten auf breitere Teile der Wirtschaft übertragen können. Trotz dieser kurz- bis mittelfristigen Anpassung bleiben die längerfristigen Inflationserwartungen der Befragten unverändert bei 2,0 Prozent verankert – also exakt auf dem Niveau, das die EZB als Ziel für Preisstabilität im Euroraum definiert hat.
## Der Hintergrund
Der Survey of Professional Forecasters ist ein etabliertes Instrument der EZB, um ein Stimmungsbild unabhängiger Fachleute zur erwarteten Preis-, Wachstums- und Arbeitsmarktentwicklung im Euroraum einzuholen. Die Umfrage wird mehrmals jährlich durchgeführt und fließt als eine von mehreren Informationsquellen in die geldpolitische Analyse der Notenbank ein. Anders als die EZB-eigenen Stabsprojektionen basiert der SPF auf den individuellen Einschätzungen externer Expertinnen und Experten und gilt daher als ergänzender Indikator dafür, wie Markt- und Wissenschaftskreise die Preisentwicklung einschätzen.
Die nun vorgenommene Aufwärtsrevision für 2026 und 2027 fällt in eine Phase, in der Energiepreise seit geraumer Zeit im Fokus der Inflationsdebatte stehen. Energiekosten wirken sich nicht nur direkt auf die Verbraucherpreise aus, etwa über Heiz- und Kraftstoffkosten, sondern auch indirekt, wenn Unternehmen gestiegene Energie- und Vorleistungskosten an ihre Kunden weitergeben. Dieser indirekte Übertragungseffekt gilt als eine der Erklärungen dafür, warum sich auch die Kerninflation – die eigentlich von Energiepreisschwankungen bereinigt sein soll – in der Erwartung der Befragten nach oben verschoben hat.
## Warum ist das für Wirtschaft und Märkte wichtig?
Inflationserwartungen von Fachleuten sind für die EZB ein wichtiger Gradmesser, weil sie Rückschlüsse darauf zulassen, wie glaubwürdig die eigene Geldpolitik wahrgenommen wird. Steigen die kurz- und mittelfristigen Erwartungen, während die langfristigen Erwartungen stabil bleiben, deutet dies darauf hin, dass die befragten Fachleute den aktuellen Preisdruck eher als vorübergehend einstufen und weiterhin davon ausgehen, dass die EZB ihr Inflationsziel von 2,0 Prozent mittelfristig erreichen wird. Eine Verankerung der langfristigen Erwartungen auf diesem Niveau gilt grundsätzlich als Zeichen für Vertrauen in die Stabilität der Geldpolitik.
Gleichzeitig sind nach oben revidierte Inflationsprognosen für die kommenden ein bis zwei Jahre für Wirtschaft und Finanzmärkte relevant, weil sie Erwartungen zu künftigen Zinsentscheidungen der EZB beeinflussen können. Höhere erwartete Teuerungsraten können etwa Einfluss darauf haben, wie lange die Notenbank an einem bestimmten Zinsniveau festhält oder wie vorsichtig sie bei möglichen Zinsänderungen vorgeht. Auch für Unternehmen und Verbraucher sind solche Signale von Bedeutung, da sie Planungen zu Löhnen, Preisen und Investitionen beeinflussen können.
## Was bedeutet das für Anleger?
Für Anlegerinnen und Anleger liefern die SPF-Ergebnisse einen zusätzlichen Baustein zur Einschätzung der Preis- und Zinsentwicklung im Euroraum, ersetzen aber keine individuelle Anlageentscheidung. Eine nach oben revidierte Inflationserwartung für die kommenden Jahre kann Auswirkungen auf verschiedene Anlageklassen haben, etwa auf die Attraktivität von festverzinslichen Wertpapieren oder auf Realrenditen. Da die langfristigen Erwartungen jedoch stabil bei 2,0 Prozent bleiben, deutet die Umfrage insgesamt nicht auf eine grundlegende Verschiebung der mittelfristigen geldpolitischen Rahmenbedingungen hin, sondern eher auf eine Anpassung an aktuelle Energiepreisentwicklungen.
Angesichts der Komplexität geldpolitischer Zusammenhänge empfiehlt es sich für Anlegerinnen und Anleger, solche Umfrageergebnisse im Kontext weiterer Wirtschaftsdaten und der kommenden EZB-Kommunikation zu betrachten, statt isolierte Schlüsse daraus zu ziehen.
## Was jetzt wichtig wird
- Wie sich die tatsächliche Energiepreisentwicklung in den kommenden Monaten darstellt und ob sich die erwarteten indirekten Effekte auf die Kerninflation bestätigen. - Ob die EZB in ihren eigenen Stabsprojektionen ähnliche Revisionen vornimmt wie die im SPF befragten Fachleute. - Wie sich die kommenden Zinsentscheidungen und Kommunikation der EZB zu den aktualisierten Inflationserwartungen verhalten. - Ob die langfristige Verankerung der Inflationserwartungen bei 2,0 Prozent in künftigen Umfragerunden Bestand hat.
Quelle: Deutsche Bundesbank